Vom Mut, anders zu sein
Jeder kennt sie: diese selbstbewussten Menschen, die einfach tun, was sie denken. Die laut lachen, wenn ihnen danach ist. Die sagen, was sie meinen. Die sich nicht dauernd fragen, ob jemand sie komisch finden könnte. Und gleichzeitig gibt es viele, die ständig überlegen, wie sie auf andere wirken, ob sie komisch rüberkommen oder irgendwas „falsch“ machen.
Dabei stellt sich früher oder später die Frage: Lebe ich eigentlich mein Leben – oder lebe ich nur für die Erwartungen der anderen?
Genau an diesem Punkt lohnt es sich, über zwei Wörter nachzudenken, die jeder kennt, aber kaum jemand genau erklären kann: „normal“ und „verrückt“.
„Normal“ bedeutet meistens nur das, was die Mehrheit macht. Es ist das Verhalten, das nicht auffällt, das niemanden irritiert und das in den Alltag passt.
Aber nur weil etwas normal ist, heißt das nicht, dass es richtig ist. Es ist einfach das, was viele tun – nicht unbedingt das, was sinnvoll oder gut ist.
„Verrückt“ nennt man oft Menschen, die nicht so reagieren, wie es andere erwarten. Sie stellen Systeme infrage, die von Gewohnheit leben. Sie sprechen aus, was andere verschweigen. Und sie erinnern uns daran, dass Vielfalt nicht nur etwas ist, das man auf Plakate schreibt, sondern etwas, das man im Alltag aushalten muss. Vielleicht brauchen wir „verrückte“ Menschen gerade deshalb so dringend:
Sie zeigen uns, dass Anpassung nicht der einzige Weg ist, mit dieser verrückten Welt klarzukommen.
Sie erinnern uns daran, dass Menschlichkeit oft außerhalb der Norm liegt. Und sie machen deutlich, dass Abweichung nicht Schwäche ist, sondern Ausdruck von Leben.
Denn wenn man darüber nachdenkt, wirkt die Vorstellung von „normalem Verhalten“ fast seltsam. Die Welt, in der wir leben, ist selbst nicht normal. Sie ist laut, chaotisch, schnell und fordernd. Wenn die Welt selbst nicht normal ist, warum sollten es dann ihre Menschen sein?
Vielleicht sollten wir deshalb weniger versuchen, Menschen in ein bestimmtes Verhalten zu pressen, und mehr akzeptieren, dass nicht jeder gleich tickt und dass Verrücktsein einfach eine weitere Art ist, Mensch zu sein.
Es ist anstrengend, ständig in irgendein Gesellschaftsideal passen zu wollen und dauernd zu versuchen, normal zu wirken. Niemand hält das auf Dauer aus, ohne ein Stück von sich selbst zu verlieren.
Selbstbewusstsein bedeutet nichts anderes, als sich seiner selbst bewusst zu sein: zu wissen, wer man ist, was man fühlt und was man möchte – unabhängig davon, was andere erwarten. Authentisch zu sein, echt zu sein. Nicht verstellt, nicht künstlich angepasst, nicht in Rollen gepresst, die man nur spielt, um dazuzugehören.
Am Ende ist genau das die wirkliche Stärke: nicht „normal“ zu wirken, sondern man selbst zu sein.
Bild: Stella Santoro